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Architektenlexikon Wien 1770 - 1945
Adolf Loos-Bauschule

Otto Wagner war an der Akademie der bildenden Künste nach seinem Ehrenjahr 1911/12 in den Ruhestand getreten, doch war noch keine Entscheidung über seine Nachfolge getroffen worden. Einige Wagner-Schüler suchten Adolf Loos auf, um ihn zur Kandidatur für den freien Lehrstuhl zu bewegen. Im Bewusstsein der Aussichtslosigkeit einer solchen Bewerbung hatte Loos diese Anregung nicht befolgt, doch war das Vertrauen der Studenten Anlass für seinen Entschluss, eine eigene Bauschule zu gründen. Am 12.Juli 1912 erschien im „Pester Lloyd“ ein Bericht über die bevorstehende Eröffnung der Adolf Loos-Bauschule.

Der Lehrgang der Bauschule - die natürlich kein Öffentlichkeitsrecht hatte - war auf 3 Jahreskurse berechnet, deren erster am 1. Oktober 1912 eröffnet wurde. Gelehrt wurden 3 Fächer, die Kurse sollten dreimal in der Woche jeweils 1 Stunde lang stattfinden. Die „Schwarzwald-Schule“ Wien 1, Wallnerstraße 2 /Kohlmarkt stellte dafür die Räumlichkeiten zur Verfügung. Das Schulgeld wurde auf 25 Kronen pro Semester festgesetzt. Offizieller Sitz der Bauschule war die Baukanzlei von Adolf Loos, Wien 3, Beatrixgasse 25.

Von Loos wurde ein “Verzeichnis der Vorlesungen an der Bauschule Adolf Loos“ veröffentlicht.

Das Programm sah vor:

1.SCHULJAHR 1912/1913

Kunstgeschichte: im 1. Jahr wurde die Kunst des Altertums vorgetragen.

Innerer Ausbau: „Kultur der Wohnung, Heizung und Lüftung, Zentralheizung, Hygiene, Installationsarbeiten, Einteilung der Wohnung im Zinshaus und im Eigenhaus. Die Halle, das Vorzimmer, das Speisezimmer, Schlafzimmer etc., Küche und Bad. Aufgaben für Wohnungseinrichtungen. - Exkursionen in eingerichtete Wohnungen und Villen“.

Materialkunde: „Allgemeines über Geologie und Mineralogie. Die Nutzsteine (Sandstein, Kalkstein, Granit etc.). Die Schmuck- und Luxussteine (Marmor, Syenit, Porphyr etc.). Halbedelsteine, Achate, Edelsteine. – Materialien des Tierreiches: Perle, Perlmutt, Schildkrot, Horn. – Künstliche Materialien: Kalk, Gips, Zement, Beton, Eisenbeton. – Exkursionen“.

Vom 1. April bis 15. Mai war eine Studienreise geplant, die „den Unterricht in der Kunstgeschichte und Materialkunde an den antiken Kunststätten und Marmorbrüchen ergänzen soll. Abfahrt mit dem Donaudampfer nach Budapest. Besichtigung. Donaudampfer bis Belgrad. Donaudampfer nach Rustschuk, Bahn nach Bukarest, Besichtigung des königl Schlosses. Bahn nach Konstanza. Mit gecharterten Dampfer nach Konstantinopel, Skyros (Marmorbrüche), Tinos (Marmorbrüche), Kreta, Knossos, Delos, Ägina, Epidauros, Nauplia. Bahnfahrt nach Athen. Am Weg Besichtigung von Tyrins, Mykenä, Korinth, Eleusis. Längerer Aufenthalt in Athen. Besuch der Pentelischen Marmorbrüche. Von Athen mittels Dampfer durch den Kanal von Korinth nach Delphi, nächster Tag in Patras. Olympia. Von Patras mit dem Amerikadampfer der Austro-Americana nach Palermo. Ausflug nach Girgenti, Taormina, Syrakus, Messina. Mit dem Dampfer nach Neapel, Pompeji. Mit dem Dampfer nach Livorno, Pisa, Massa Carrara, Parma, Mantua, Verona, Vicenza, Castelfranco, Wien (Extrazug).

Die Reise sollte allen Schülern ermöglicht werden, auch den externen Hörern, die nur einen Kurs belegt hatten. „Sowohl an den Kursen als an den Studienreisen können auch Damen teilnehmen“.


2. SCHULJAHR 1913/1914

Kunstgeschichte: „Kunst des Mittelalters und der orientalischen Völker.“

Innerer Ausbau: „Hotelbau, Cafe, Bar, Restaurant, Saal- und Kurhausbau, Schutzhaus und Aussichtswarte, Bank und Wechselstube, Kauf- und Warenhaus. – Exkursionen.“

Materialkunde: „ Ziegel, Tonwaren, Fayencen und Steingut, Porzellan. Glas- und Glasflüsse. Metallurgie (Eisen, Kupfer, Zinn, Zink, Messing, Bronze etc.). – Exkursionen. “

Studienreise April 1914: „Venedig, Padua, Ferrara, Bologna, Pistoia, Florenz, Rom, Orvieto, Perugia, Siena, Ancona, Fiume.”


3. SCHULJAHR 1914/1915

Kunstgeschichte: „ Neuzeit“

Innerer Ausbau: „Kirche, Schule, Theater, Zirkus, Vergnügungspaläste, Badeanstalten, Spitäler, Sanatorien. – Exkursionen.“

Studienreise April 1915: „Frankfurt, Köln, Düsseldorf, Brüssel, Ostende, London, Rouen, Paris, Straßburg, Stuttgart und München.“

Am 27.September 1912 fanden die Aufnahmeprüfungen für die Bauschule statt, und zwar nur für jene Schüler, die außer den Vorlesungen auch Entwürfe bei Loos ausführen wollten. Es waren dies Absolventen einer höheren Staatsgewerbeschule oder solche, die 3 Semester Technik studiert hatten. Aufgabe war: „Villa nach vorgegebenen Programm, Detailzeichnung einer klassischen Säule.“ Geplant war auch, Absolventen von Gymnasien und Realschulen den Besuch durch einen einjährigen Vorbereitungskurs zu ermöglichen.

Loos hatte im 1.Schuljahr 3 ordentliche Hörer: Wilhelm Ebert, Paul Engelmann und Helmut Wagner von Freynsheim. Die Arbeit an den Entwürfen fand in der Baukanzlei von Loos statt. Die Exkursion fand in diesem Jahr nicht statt.

Im Oktoberheft 1913 der Zeitschrift „Der Architekt“ (19.1913, S.70-71) erschien ein Artikel von Adolf Loos über den erfolgreichen 1.Jahrgang seiner Bauschule. Er kündigte darin auch Neuerungen für den 2.Jahrgang an: es sollten Baumechanik und Baukonstruktion gelehrt werden, so dass absolvierte Gymnasiasten und Realschüler Aufnahme finden können. Jedes Jahr sollte außerdem ein Wiener Bauwerk aus der Zeit des Klassizismus vollständig aufgenommen werden. Für das Jahr 1913/1914 war das Palais Pallavicini vorgesehen. Bei den Entwurfsarbeiten sollte von innen nach außen gestaltet werden, die Fassade war sekundär. Auf diese Weise wollte Loos seine Studenten dazu bringen, dreidimensional zu denken. Mit Hörern und Schülern unternahm er Stadtwanderungen, um vor Ort über die Objekte zu referieren. Die geplante Studienreise 1914 fand nicht statt.

Der Krieg unterbrach die Lehrtätigkeit der Adolf Loos – Bauschule.

JAHRGANG 1919/1920
Im Herbst 1919 eröffnete Adolf Loos seine Bauschule wieder. Über das Programm dieses Jahrgangs fehlen die Kenntnisse. Einige der damaligen Schüler sind namentlich bekannt: Otto Breuer, die Tschechoslowaken Norbert Krieger und Heinrich Kulka, der später einer der engsten Mitarbeiter von Loos wurde, Zlatko Neumann. Diese Schüler wurden zum Teil in Loos‘ Atelier beschäftigt, waren als Bauleiter eingesetzt und auch weitgehend selbständige Mitarbeiter. Loos schien sie in einer Art Privatissimum unterrichtet zu haben. Wo der reguläre Schulbetrieb stattfand, ist nicht bekannt.

JAHRGANG 1920/1921

Die Schüler wurden von Loos in seine Arbeit beim Siedlungsamt mit eingebunden und in seiner Kanzlei unterrichtet. Das Programm des regulären Schulbetriebs ist nicht bekannt, doch scheint das Siedlungsproblem dominiert zu haben, da Loos eine schulinterne Siedlungskonkurrenz ausschrieb. Ob Loos für die Bauschule wieder Räumlichkeiten der Schwarzwaldschule zur Verfügung standen oder ob Vortragszyklen im Konzerthaus in Zusammenhang mit der Schule gehalten wurden, ist nicht bekannt.
Ein weiterer Jahrgang wurde nicht mehr abgehalten.

1930

Im Dezember 1930 erfolgte ein gemeinsamer Aufruf von Karl Kraus, Arnold Schönberg, Heinrich Mann, Valery Larbaud und James Joyce zur Gründung einer Adolf Loos-Schule, womit eine Wiederaufnahme der Bauschule gemeint war. Die Initiative blieb jedoch erfolglos.


Quellen
Dieter Worbs: Die Loosschule. In: Bauwelt 72/2 (Sonderheft) November 1981
B. Rukschcio, R. Schachel: Adolf Loos. Leben und Werk. 2. Aufl. Salzburg, Wien 1987
Der Architekt 19.1913, S.70-71.
J. Bakacsy: Paul Engelmann 1891-1965. Diss. Innsbruck 2003
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Autorin: Jutta Brandstetter


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