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Ausstellung

JIRI KROHA

Kubist, Expressionist, Funktionalist, Realist

Mi 25.03.1998 – Di 12.05.1998
Ausstellungsplakat

Ausstellungsplakat: JIRI KROHA
© Architekturzentrum Wien, Grafik: Krieger|Sztatecsny, Büro für visuelle Gestaltung

Eröffnung: Dienstag, 24. März 1998, 19:00 Uhr

Jiri Kroha gehört zur zweiten Generation der tschechischen Moderne. Die erste Phase seines umfangreichen Werks als Architekt, Maler und Theoretiker steht im Zeichen des tschechischen Kubismus und Expressionismus. In den 20er Jahren realisiert Kroha mehrere Bauten, die formal und inhaltlich den Forderungen des Neuen Bauens verpflichtet sind. Zum thematischen Schwerpunkt werden in den 30er Jahren umfassende Studien und Projekte, die das Wohnen als grundlegendes menschliches Bedürfnis behandeln.
In der Ausstellung wird anhand von sieben Zeitschnitten 1915-1951 bestimmten Grundideen und Phänomenen im Werk Jiri Krohas nachgespürt.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

Zur Eröffnung sprechen:
Dietmar Steiner
Direktor des Architekturzentrum Wien

Monika Platzer, Klaus Spechtenhauser
Kuratoren der Ausstellung

Francois Burkhardt
Direktor der Zeitschrift Domus

Dr. Jaroslav Mlcak
Kulturattache der Tschechischen Republik

Pressetext

Jiri Kroha (1893-1974) gehört zusammen mit Bohuslav Fuchs, Karel Teige und Jaromir Krejcar zur zweiten Generation der tschechischen Moderne. Mit Ausnahme von Fuchs und Teige sind die Namen der Architektinnen und Architekten jedoch kaum einer breiteren ÷ffentlichkeit geläufig.

Manifestartig artikuliert sich in Prag noch vor dem ersten Weltkrieg der tschechische Kubismus. Formal wie auch inhaltlich ist diese Richtung für Kroha schon während seines Architekturstudiums bestimmend. Das Prinzip der neuen Architektur ist die Dynamisierung von passiver Materie. Ihren Höhepunkt erreichen Krohas utopische Entwürfe im Wettbewerbsentwurf für das Krematorium in Pardubice 1919-1920.
Fast parallel kommt es bei Kroha zu formalen Experimenten, den „Primärplänen“. Diese dem puristischen Gestaltungsprinzip verhafteten Entwürfe erscheinen als polarer Gegensatz zu seinen vorangegangenen und zeitgleichen expressionistisch-kubistischen Architekturzeichnungen.

In seinem ersten grösseren realisierten Gebäude, der Landesgewerbeschule in Mlada Boleslav 1922-1927, wird dieser Widerspruch aufgehoben. Scheinbar ruhiges Volumen wird in Kombination mit einander durchdringenden bzw. abgestuften Baukörpern in Bewegung gesetzt. Nicht im kulturellen und gesellschaftlichen Zentrum Prag, sondern im nordböhmischen Mlada Boleslav, Sitz der Skoda – Autowerke, realisiert Kroha in der Folge mehrere Bauten mit avantgardistischem Formenvokabular. Die Gesamtplanung der Ausstellung Nordböhmens 1926-1927 bildet den Abschluss seiner dortigen regen Bautätigkeit und verweist bereits auf die nächste Phase in Krohas Schaffen. 1925 wird er als Professor für Architektur an die Tschechische Technik in Brünn berufen.

1928-1931 entsteht die Villa Kroha in Brünn nach aktuellen Forderungen des Neuen Bauens. Das Einfamilienhaus ist für Kroha zum Experimentierfeld geworden, um biologische, ökonomische und kulturelle Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner räumlich zu differenzieren. Es entstehen theoretische Studien wie die das Soziologische Fragmente des Wohnens 1930-1932. Es enthält Analysen über Wohnstandards und Familienstrukturen, zeigen Flächen- und Raumnormen und behandelt die Nutzungsvariabilität der Wohnungen. Krohas Position liegt hier im Spannungsfeld zwischen individualistisch-künstlerischem und wissenschaftlich-programmatischem Ansatz.

Biographisch wirkt sich die Vergesellschaftung der Architektur für Kroha negativ aus. Wegen linkspolitischer Aktivitäten wird er 1935-1936 von seiner Professorenstelle in Brünn suspendiert – 1937 jedoch wieder rehabilitiert.
Nach dem zweiten Weltkrieg setzt Kroha seine theoretischen Studien zum Thema unter veränderten Rahmenbedingungen fort. 1948 wird er unter Klement Gottwald zum Nationalkünstler ernannt.

In der Austellung wird anhand von sieben Zeitschnitten bestimmten Phänomenen im Werk Krohas nachgespürt. Bis auf einige Exponate bei grösseren thematischen Ausstellungen wurde Jiri Kroha ausserhalb der Tschechischen Republik noch nicht gezeigt.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, der es dem deutschsprachigen Publikum zum ersten Mal ermöglichen wird, sich mit dem Werk Krohas auseinanderzusetzen.

Biografie / Werkverzeichnis

1893
Jiri Kroha wird am 5. Juni in Prag geboren.

1911-1916
Studium der Architektur an der Technischen Hochschule in Prag (Professoren Antonin Balsanek, Josef Fanta, Jan Koula, Rudolf Krizenecky). Formexperimente („Primärpläne“), verschiedene architektonische Studien im Einfluss des Kubismus und Expressionismus.

1918
Zeigt Bildhauer- und Architekturarbeiten an der Mitgliederausstellung des SVU Manes, Aufnahme als Mitglied. Gestaltung der Montmartre-Bar in Prag. Beginnt sich intensiv mit dem Theater auseinanderzusetzen, entwirft Bühnenbilder, führt Regie und publiziert in Fachzeitschriften.

1922-1927
Projektiert und baut vor allem in Mlada Boleslav und Umgebung. Zu den wichtigsten realisierten Bauten gehören die beiden Beamtenvillen in Kosmonosy (1920-1925), die Landesgewerbeschule (1922-1927) und das Sozialfürsorgeinstitut (1924-1925) in Mlada Boleslav sowie die Gesamtplanung der Ausstellung Nordböhmens (1926-1927) ebenfalls in Mlada Boleslav.

1925
Berufung als Professor für Architektur an die Tschechische Technik in Brünn (-1953). Kroha betätigt sich als Maler, Szenograph und Regisseur.

1927
Gründet die Zeitschrift Horizont als Diskussionspodium für aktuelle Tendenzen in Kultur und v.a. Architektur.

1928
Projekte für die Ausstellung zeitgenössischer Kultur der CSR in Brünn. Wohnhaus an der Ausstellung Das neue Haus [Novy dum] (1927-1928).

1928-1931
Eigenes Wohnhaus (Villa Kroha) in Brünn. Wohnhausentwurf für die Baba-Siedlung in Prag.

1930
Studienreise in die UdSSR. Gründungsmitglied der Architektursektion der Linksfront [Leva fronta]

1933
Präsentation des 1930-1932 ausgearbeiteten Soziologischen Fragments des Wohnens [Sociologicky fragment bydleni] an der Bau- und Wohnausstellung in Brünn. Es folgen weitere ausgedehnte Studien zu Wohnfragen. Vorsitzender des neugegründeten Bunds der sozialistischen Architekten.

1935-1936
Villa Patocka in Brünn.

1939-1940
Gefangenschaft (Brünn-Spilberk, Dachau, Buchenwald).

1945
Nach dem 2. Weltkrieg widmet sich Kroha hauptsächlich der Gestaltung von Ausstellungen und der Malerei.

1947-1948
Hauptprojektant für die Slawische Landwirtschaftsausstellung in Prag.

1948
Ernennung zum Nationalkünstler.

1974
Jiri Kroha stirbt am 7. Juni 1974 in Brünn.