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Symposium

Der Fall des Hauses Wittgenstein

Internationales Symposium zu Baudenkmälern der Moderne

Fr 19.06.1998 – Sa 20.06.1998

Der Fall des Hauses Wittgenstein

Die Bauten der klassischen Moderne — aus einer Haltung der radikalen Innovation und der Absage an Traditionen entstanden — werden (sofern sie die Missachtung und den Bauboom der 60er und 70er Jahre überdauerten) heute als zu bewahrende Teile unseres Kulturerbes klassifiziert. Oftmals Experimente sowohl in ästhetischer als auch in bautechnischer Hinsicht, stellen sie die Fachleute aus Architektur, Kunstgeschichte, Denkmalpflege und Restaurierung vor neue Aufgaben.

Das Haus Wittgenstein, entstanden 1926-28 aus der Zusammenarbeit des Loos-Schülers Paul Engelmann und des Philosophen Ludwig Wittgenstein, ist einzigartig in seiner Entstehung und Form, doch paradigmatisch in seiner Geschichte und gegenwärtigen Problematik für den Umgang mit Zeugnissen der modernen Baukunst. Über zwanzig Jahre nach seiner baulichen Adaptierung als Bulgarisches Kulturinstitut stellen sich die Fragen der Restaurierung und Renovierung neu. Im Vergleich mit anderen internationalen Baudenkmälern sollen die bisherigen Erfahrungen zusammengefasst und Perspektiven für die Zukunft des Hauses in konservatorischer Hinsicht sondiert werden.

Noch Mitte der 70er Jahre war das Haus vom Abbruch bedroht und blieb nur durch die Achtsamkeit österreichischer Architekten und das grosse Engagement der Republik Bulgarien erhalten. Nachdem mittlerweile international Konsens besteht über die Bedeutung des Hauses, sollte auch Österreich einen Teil der denkmalpflegerischen Verantwortung übernehmen.

Durch Initiative des Bulgarischen Kulturinstituts hat sich das Haus in den vergangenen Jahren als exklusiver Ort für Veranstaltungen aus Kunst, Kultur und Philosophie profiliert. Das Symposium gibt in dieser Hinsicht einen weiteren Impuls für die architektonische Zukunft des Hauses.

Eine Kooperation von
Architekturzentrum Wien
Bulgarisches Kulturinstitut in Wien, Haus Wittgenstein
Österreichische Gesellschaft für Architektur – ÖGFA

Information und Anmeldung:
Österreichische Gesellschaft für Architektur – ÖGFA
Koordination: Felicitas Konecny
Liechtensteinstrasse 46a, A-1090 Wien
Tel / Fax: +43 1 319 77 15
E-mail: oegfa@aaf.or.at
URL: http://www.aaf.or.at/oegfa/

Die Geschichte des Hauses

Das HAUS WITTGENSTEIN wurde 1926 – 28 als Wohnpalais für Margarete Stonborough erbaut. Sie war eine geborene Wittgenstein und entstammte einer der vermögendsten Industriellenfamilien von Wien. Ludwig Wittgenstein war ihr jüngster Bruder. Im Herbst 1926 hatte sie das Grundstück in der Kundmanngasse erworben und vom Wiener Gemeinderat die Bewilligung erhalten, einen Teil davon zu bebauen.

Das Haus ihrer Eltem spielte eine bedeutende Rolle im Kunst- und Musikleben Wiens zur Jahrhundertwende. Ihr Vater, Karl Wittgenstein, war einer der wichtigsten Förderer der Wiener Secession. Josef Hoffmann etwa konnte bis 1914 eine Reihe von Projekten für verschiedene Familienmitglieder verwirklichen, darunter die bekannte Einrichtung von Karl Wittgensteins Jagdhaus auf der Hochreith, die von der Wiener Werkstätte ausgeführt wurde.

Paul Engelmann, Schüler und Mitarbeiter von Adolf Loos und zeitweise Sekretär von Karl Kraus, war seit 1926 über Verrnittlung von Loos mit Ludwig Wittgenstein befreundet. Durch ihn in die Familie eingeführt, realisierte er nach dem Krieg verschiedene Inneneinrichtungen im Elternhaus (Argentinierstraße 16) und im Sommersitz in Neuwaldegg, Margarete beauftragte ihn Ende 1925 mit dem Entwurf ihrer Villa. Sie hat die Charakteristik und das Raumprogramm ihrem Lebensstil entsprechend geprägt. (In ähnlich enger Zusammenarbeit hatte sie 1913 mit dem Wagner-Schüler Rudolf Perco die Villa Toscana in Gmunden umgebaut).

Ludwig Wittgenstein, der zu dieser Zeit Volksschullehrer in Otterthal war, zeigte von Beginn an reges Interesse an der Planung und wurde im Sommer 1926 als Architekt beigezogen. Im November 1926 genehmigte der Magistrat die von Engelmann und Wittgenstein gemeinsam unterfertigten Pläne, und Wittgenstein übernahm von da an die Bauüberwachung und die gesamte Detailplanung. Der Bau für seine Schwester gab ihm in einer schwierigen Lebensphase die Gelegenheit, sein geistiges und ethisches Konzept in der Gestaltung einer ebenso konkreten wie komplexen Aufgabe zu verwirklichen. Engelmann hatte das räumliche Gerüst vorgegeben, die Grundlage gelegt. Wittgenstein aber präzisierte und verfeinerte in zweijähriger Arbeit diesen Entwurf in allen Proportionen, in allen technischen und formalen Details und schuf damit ein einzigartiges kulturgeschichtliches Dokument.

In diese Zeit der Arbeit am Bau fielen auch sein erstes Treffen mit Moritz Schlick und die ersten Zusammenkünfte und Konversationen mit Schlick, Friedrich Waismann, Rudolf Carnap, Herbert und Marie Feigl.Ende 1928 wurde das Haus bezogen. Margarete richtete die Räume mit französischen und chinesischen Möbeln, mit Stücken aus der Wiener Werkstätte und aus ihrer umfangreichen Kunstsammlung ein.

Während des Krieges, als sie sich in Amerika aufhielt und das Mobiliar ausgelagert war, wurde das Haus vom Roten Kreuz als Heereslazarett benutzt, später als Heimkehrerstelle. Margarete bewohnte dann das Haus wieder bis zu ihrem Tode, 1958. Ihr Sohn, Dr. Thomas Stonborough, verkaufte 1971 das Grundstück an den Bauuntemehmer Dipl.lng.Franz Katlein. Der damals geplante Abbruch des Hauses zugunsten eines kommerziellen Hochhausprojektes wurde durch eine von Bernhard Leitner eingeleitete Initiative von Architekten und Schriftstellern mit Unterstützung der internationalen Presse in letzter Minute verhindert und das Haus unter Denkmalschutz gestellt. Dennoch wurde 1971 der prächtige alte Garten abgeholzt, das Grundstück geteilt und ab 1974 in bedrängender Nähe ein Bürohochhaus errichtet.

Ende 1975 erwarb die Botschaft der Volkrepublik Bulgarien das devastierte Haus und gab ihm eine neue Nutzung als Kulturinstitut. Der Bau wurde 1976/77 renoviert, wobei einige Veränderungen, insbesondere die Erweiterung im Souterrain für einen großen Vortragssaal, vorgenommen wurden, die Substanz aber weitgehend bewahrt blieb.

Otto Kapfinger, Wien 1998
kapfinger@nextroom.at

Das Programm

15.00
Eröffnung:
Kulturministerin Emma Moskova, Bulgarien
Begrüßung durch Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer
Einleitende Worte der Veranstalter

16:00
Der Umgang mit modernen Baudenkmälern aus kulturphilosophischer Sicht
Vortrag Akos Moravánszky, Profeesor für Architekturtheorie, ETH Zürich

17:00
Die Rettung des Hauses Wittgenstein
Lesung Friedrich Kurrent, Architekt und und Professor em. TU München, Wien

17:30
Haus Wittgenstein – Erhaltung und Erneuerung
Podiumsgespräch:
Emma Moskova, vordem Leiterin des Bulgarischen Denkmalamtes, Sofia
Otto Kapfinger, Architekturtheoretiker, Wien
Friedrich Kurrent
Bernhard Leitner, Professor HS für Angewandte Kunst in Wien
Wilhelm Rizzi, Präsident des Bundesdenkmalamtes, Wien
Moderation: Dietmar Steiner, Direktor Architekturzentrum Wien

19:00
Empfang

20:00
Ludwig Wittgenstein.
Biographische und philosophische Bemerkungen. Fernsehfilm von Ferry Radax, 1. Teil

Samstag, 20. Juni 1998

14.00
Erhaltung und Erneuerung. Internationale Beispiele
Einführung: Walter Zschokke

18:00
Das Arbeitsamt Liesing von Ernst A. Plischke. Eine Rekonstruktion
Referat von Hermann Czech, Architekt, Wien

Neue Möglichkeiten für eine Rekonstruktion des Hauses Tugendhat
Referat von Jan Sapak, Architekt, Brno

Die „Petite Maison“ von Le Corbusier. Ein Lokalaugenschein
Referat von Adolf Stiller, Architekturwissenschaftler, Wien

Unbequeme Denkmäler
Referat von Ruggiero Tropeano, Architekt, Zürich

19:00
Resumé

20:00
Ludwig Wittgenstein.
Biographische und philosophische Bemerkungen. Fernsehfilm von Ferry Radax, 1. Teil