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Ohne Geschichte keine Zukunft: Friedrich Kurrent zum 90er

Objekt aus der Sammlung

Mann mit rot-schwarz gestreifter Krawatte und Bleistift im Mund

Friedrich Kurrent anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „x projekte der arbeitsgruppe 4. Holzbauer, Kurrent, Spalt (1950–1970)“ im Az W, 2010
© Architekturzentrum Wien, Foto: Pez Hejduk

„Ich bin nicht nur Kurrent, sondern auch mein eigener Konkurrent. So wurde ich zu dem, als den ich mich sehe: Ein verhinderter Architekt. Verhindert? Von wem? Von mir selbst. Denn: Viel ist es nicht, was ich (bisher) bauen konnte. Nur einige Häuser, Kirchen und dergleichen.“ (Friedrich Kurrent)

Gebaut hat Friedrich Kurrent tatsächlich nicht viel. Wegweisendes – vor allem im sakralen Bereich – entstand 1951–1974 im Rahmen der arbeitsgruppe 4 (gemeinsam mit Johannes Spalt und – bis 1964 – mit Wilhelm Holzbauer). Nur über den Architekten Kurrent zu sprechen, greift aber ohnehin zu kurz. Friedrich Achleitner bezeichnete ihn in seiner Laudatio anlässlich einer Ehrung als „Lehrer, Aktivist, Aussteller, Entdecker, Forscher, Gründer, Kritiker, Leser, Schreiber, Urbanist, Zeichner und Retter“. Als Lehrer wirkte er von 1973–1996 an der TU München, seine Rolle als Aktivist, Entdecker und Retter erfüllte er in zahlreichen Kämpfen um alte Bausubstanz, wie etwa im Falle eines Biedermeierhauses am Spittelberg, dessen Sanierung zur Initialzündung für den Erhalt des gesamten Areals wurde. Das Semperdepot und die von Adolf Loos gestaltete Bank in der Mariahilfer Straße in Wien verdanken ihr Überleben ebenfalls Friedrich Kurrent. Legendär sind auch die Ausstellungen, die Kurrent mit der arbeitsgruppe 4 über Kirchenbau, Schulbau, Theaterbau und – lange vor Hollein und dem allgemeinen Hype – über „Wien um 1900“ organisierte.

Die Realisierung seines Herzensprojekts, die Errichtung einer Synagoge am Wiener Schmerlingplatz, blieb ihm leider verwehrt. In unserer Sammlung hat sich neben dem umfangreichen Archiv der arbeitsgruppe 4 auch eine Serviettenskizze mit der städtebaulich perfekt zwischen Parlament und Palais Epstein eingefügten Synagoge erhalten. Sie lässt erahnen, welch begnadeter Zeichner Friedrich Kurrent ist.

Er versäumte kaum eine Veranstaltung im Az W und fast immer meldete er sich zu Wort, um pointiert und gelegentlich scharf seine Sicht der Dinge kundzutun. Wie einen Schatz hütete Kurrent seine zahlreichen Zettel in der Sakko-Innentasche, die über und über mit Fakten, Anekdoten und Daten beschriftet waren und bei Bedarf hervorgeholt wurden. Er, der mit vielen berühmten Architekt*innen und Kulturschaffenden des Landes – darunter so illustren Namen wie Oskar Kokoschka und Josef Hoffmann – in Kontakt war, wusste viel zu erzählen. Das ist ihm nun leider durch eine schwere Erkrankung verunmöglicht.
Wir wünschen ihm daher ganz besonders alles Gute zum 90er!

„Friedrich Kurrent ist ein Moralist von der unbestechlichen, aber auch anstrengenden und unbequemen Art, dem man nicht leicht verzeihen kann, dass er meist recht hat.“
(Friedrich Achleitner)