Presse

SOS Bru­tal­is­mus. Ret­tet die Be­ton­mon­ster!

Aus­stel­lung | 03.05.-06.08.2018 | Az W | Aus­stel­lungshalle 2

Norbert Heltschl, Internat Mariannhill, Wasserbecken auf der Dachterrasse, Landeck, Tirol, 1964
Bild: Architekturzentrum Wien, Sammlung, Friedrich Achleitner

Geliebt oder gehasst: Brutalistische Architektur lässt niemanden kalt. Die Ausstellung „SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster!“ ermöglicht die Wiederentdeckung eines lang geschmähten Architekturphänomens. Im Architekturzentrum Wien zeigt sie internationale Beispiele und österreichische Highlights und beleuchtet dabei die architektonische und gesellschaftliche Relevanz dieser Bauten aus rohem Sichtbeton.

Brutalistische Architektur entstand zwischen 1953 und 1979 auf allen Kontinenten, oft Hand in Hand mit der Etablierung des Wohlfahrtsstaates. Nur wenige Jahrzehnte später wurden die riesigen Betonbauten vielerorts als Bausünden verunglimpft, dem Verfall preisgegeben oder abgerissen. Einige sind immer noch akut bedroht – auch in Österreich. „Allerdings scheint sich aktuell eine Trendumkehr in der Bewertung des Brutalismus abzuzeichnen. Auf der architektonischen Seite begeistert der rhetorische Umgang mit dem Material Beton, aus gesellschaftspolitischer Sicht der Wunsch nach gebauter Demokratie, der sich in vielen dieser Bauten spiegelt“, so Angelika Fitz, Direktorin des Architekturzentrum Wien.

Die Online-Initiative #SOSBrutalism, die mittlerweile über 1000 Gebäude in einer Datenbank versammelt (www.SOSBrutalism.org), mündete in eine große Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt, die nun – um einen ausführlichen Österreichteil erweitert – auch im Architekturzentrum Wien zu sehen ist. Die weltweit erste globale Zusammenschau brutalistischer Bauten zeigt Beispiele aus Europa, den USA, Afrika und Asien. Markierungen heben besonders bedrohte Gebäude hervor. Ungewöhnlich große Modelle aus Karton und skulpturale Betonmodelle machen die Faszination der brutalistischen Architektur nachvollziehbar. Welche politischen Ideen bilden den Kontext dieses internationalen Phänomens? Und wie kann Brutalismus überhaupt definiert werden? „Das Zelebrieren der Rohheit, das ist der Moment, wo der Brutalismus ins Spiel kommt. Eigentlich ist der Brutalismus sowas wie Betonbarock“, so Oliver Elser, Kurator des Deutschen Architekturmuseums.

Die umfangreiche Sammlung des Az W erlaubt es, für Wien einen Österreich-Schwerpunkt zu setzen und großartiges Originalmaterial zu zeigen. Die zehn österreichischen Highlights reichen von der ikonischen Wotrubakirche in Wien-Liesing über den bereits abgerissenen spektakulären Internatsturm in St. Pölten von Karl Schwanzer bis hin zu akut bedrohten Bauten wie dem Kulturzentrum in Mattersburg oder dem Kongresszentrum in Bad Gastein. Auch unbekannte Bauten, wie das leider komplett überformte Internat Mariannhill von Norbert Heltschl im Tiroler Landeck dürfen noch einmal zeigen, was brutalistische Architektur kann.

„Im Grunde ist die Geschichte des Brutalismus ein großes Missverständnis. Viele lassen sich von seiner manchmal unheimlichen Präsenz abschrecken und bewerten ihn ausschließlich nach ästhetischen Kriterien“, so Sonja Pisarik, Kuratorin des Architekturzentrum Wien. Bereits 1957 hatten sich die Urheber des Brutalismus in England, Peter und Alison Smithson, in der Zeitschrift Architectural Design darüber beklagt: „Bislang wurde der Brutalismus als Stil diskutiert, seinem Wesen nach ist er allerdings eine Ethik.“

Tatsächlich spricht aus den Bauten vielfach der Wunsch nach einer selbstbewussten Demokratie, die sozialen Aufschwung und eine egalitäre Gesellschaft bringen sollte. Die Vertreter des Brutalismus wollten Städte gestalten, die den gesellschaftlichen Austausch über alle Klassengrenzen hinweg ermöglichen. Oft waren es kommunale Auftraggeber, die brutalistische Bauten errichten ließen: Schulen, Universitätsgebäude, Krankenhäuser, Kulturbauten und Kirchen.

Bereits im Jahr 2012 hat das Architekturzentrum Wien mit der Ausstellung und der Datenbank „Sowjetmoderne 1955–1991“ maßgeblich zur Wiederentdeckung brutalistischer Architektur beigetragen. Mit der Übernahme und Erweiterung der Ausstellung „SOS Brutalismus“ schließt das
Az W an diese Arbeit an und trägt dem gesteigerten Interesse an der Architektur der 1950er bis 1970er-Jahre Rechnung, die einen wichtigen Platz in der Sammlung des Az W einnimmt. Gleichzeitig kommen diese Bauten rund 40 Jahre nach ihrer Errichtung in ein kritisches Alter – an vielen Orten wird über den Verbleib der „Betonmonster“ im Stadtbild oder deren Abriss teils heftig diskutiert. Manchmal ist es allerdings schon zu spät. Sowohl im Ausland wie auch in Österreich verschwinden immer mehr großartige Zeugnisse brutalistischer Architektur. 2016 wurde etwa eine Ikone des britischen Brutalismus, die invertierte Pyramide der Central Library in Birmingham trotz heftiger Proteste geschliffen. Als hingegen der zum WIFI St. Pölten gehörige Internatsturm (erbaut von Karl Schwanzer 1965–1972) Anfang der 2000er Jahre abgerissen wurde, blieb alle Empörung aus.

„In den Sechzigern haben meine Bauten Preise bekommen, in den Siebzigern Zustimmung, in den Achtzigerjahren hat man sie infrage gestellt, in den Neunzigern fand man sie lächerlich. Und als es auf 2000 zuging, waren die, die ich am meisten mochte, schon abgerissen“, so der britische Architekt Owen Luder. Zwei Jahrzehnte später erleben viele brutalistische Bauten einen wahren Hype. Die Ausstellung „SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster!“ lädt dazu ein, den Brutalismus neu zu bewerten.

 

Ein gemeinsames Projekt des Deutschen Architekturmuseums und der Wüstenrot Stiftung, um einen Österreich-Schwerpunkt erweitert vom Architekturzentrum Wien.

Kurator*innen: Oliver Elser/DAM; Österreich-Schwerpunkt: Sonja Pisarik/Az W
DAM Ausstellungsgestaltung: Rahlwes.Pietz
Az W Ausstellungsgestaltung: Peter Duniecki
Modellbau: Technische Universität Kaiserslautern, Fachbereich Architektur