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Spot On Ella Briggs – Öster­reichs erste Archi­tektin

Objekt aus der Sammlung

auf einem Tischen liegen mehrere Gegenstände, darunter eine sehr alt aussehende Kamera, eine abgerissene Gürtelschnalle etc.

Kameraausstattung der Architektin Ella Briggs.
© Foto: Architekturzentrum Wien, Sammlung, Bert Singer and Angela Kimberk Archive (Cambridge, MA)

Im Frühjahr 2024 erreichte das Az W besondere Post aus den USA: eine kompakte Compur Plattenkamera samt Stativ und Zubehör, dazu Portraitfotos und mehr als 100 Schwarz-Weiß-Fotos von sizilianischer Architektur – aufgenommen Mitte der 1920er Jahre. Es sind rare Dokumente und Werkzeuge von Österreichs vielleicht erster Architektin, Ella Briggs (geb. Baumfeld, 1880–1977). Im Auftrag eines New Yorker Verlegers hatte sie für ein Buchprojekt Italien bereist und mit geschultem Auge die meist ländliche Architektur, aber auch belebte Gassen in Fotos und Skizzen festgehalten. Als alleinreisende Frau mit umfassender Kameraausstattung wurde sie der Spionage verdächtigt und verhaftet. Der Fall beschäftigte die heimische wie amerikanische Presse wochenlang.

Ausgebildet an der Wiener Kunstgewerbeschule (1901– 1906) und der Technischen Hochschule München (Architekturdiplom 1920), umspannte ihr Schaffen zahlreiche Interieurs von Breslau bis New York, Messe- und Ausstellungsgestaltungen in Berlin, einige Einfamilienhäuser in Berlin und den USA, sowie mehrgeschossige Wohnbauten wie den Pestalozzi-Hof in Wien. Trotzdem teilt Ella Briggs mit vielen Kolleginnen den Mangel eines gut rezipierbaren Nachweises ihres vielschichtigen OEuvres. Vieles ging wohl bei den zahlreichen Ortswechseln verloren. Von der misslichen Lage einer selbstständigen Architektin, die mit knapp 60 Jahren zur Emigration gezwungen und in der neuen Heimat England wirtschaftlich Fuß fassen musste, zeugt der Verkauf von rund 50 Silbergelatin-Abzügen ihrer italienischen Fotoserie an das Londoner Victoria & Albert Museum. Ein Beleg ihrer Arbeiten – wenn auch unvollständig – ist ihr Restitutionsansuchen, das ihr Werk von großbürgerlichen Interieurs bis zum sozialen Wohnbau auflistet.

Ella Briggs wusste sehr früh das Massenmedium Zeitschrift zu nutzen, um Anliegen zeitgenössischen Wohnens zu formulieren. Sie publizierte gleichermaßen in populären Frauenmagazinen wie in renommierten Fachzeitschriften. Gerne richtete sich die Architektin dezidiert an zukünftige Nutzerinnen und Bauherrinnen und erläuterte etwa die Vorteile elektrischer Haushaltsgeräte und gut organisierter, „taylorisierter“ Küchen und Wohnungen. Ein internationaler Workshop im Az W im Jahr 2022 markierte den Startpunkt für eine transnationale kollektive Forschung. Erstmals gelang es, neue Quellen zu Ella Briggs zu entdecken, in einem kollektiven Archiv zu verknüpfen und der Forschung zur Verfügung zu stellen. Eine facettenreiche Frauenkarriere tritt damit endlich ans Licht.