Architekturzentrum Wien  
 

 
 
Architektur beginnt im Kopf
The Making of Architecture

Deutsche Ausgabe

Shop Nr.: 7138
Preis: € 34,90
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ISBN: 978-3-7643-8979-6
Deutsche Ausgabe

Katalogkonzeption und Redaktion: Elke Krasny (ek)
AutorInnen: Gudrun Hausegger, Elke Krasny, Robert Temel (rt), Dietmar Steiner, Gerhard Vana
Zwei Objektbeschreibungen: Peter G. Auer, Manfred Wolff-Plottegg

Grafische Gestaltung des Buchs und Satz: o- Alexander Schuh.
Bildbearbeitung: Martina Frühwirth, o- Alexander Schuh
Lektorat: Andrea M. Werther

Umschlag vorne: Orchidee im Büro von Lacaton & Vassal, Paris © Elke Krasny
Reduktionszirkel, Archiv Vana-Architekten, Wien © Peter Kubelka
Umschlag hinten: Holzdreieck von Lux Guyer, Zürich © Peter Kubelka
Buntstifte aus dem Büro Diller Scofidio + Renfro, New York © Peter Kubelka

© 2008
Architekturzentrum Wien und AutorInnen
Birkhäuser Verlag AG
Basel ∙ Boston ∙ Berlin
P.O. Box 133, CH-4010 Basel, Schweiz
Ein Unternehmen der Fachverlagsgruppe Springer Science +Business Media


Inhalt

Vorwort Dietmar Steiner

Von Werkzeug und Inspiration. Kreationsökonomien der Architektur von Elke Krasny

Architekturfeldforschung: Zwanzig Atelierbesuche
Alvar Aalto
Lina Bo Bardi
Atelier Bow-Wow
Hermann Czech
Diller Scofidio + Renfro
Edge Design Institute
Yona Friedman
Antoni Gaudí
Lux Guyer
Steven Holl Architects
The Jerde Partnership
Lacaton & Vassal
Rudolf Olgiati
Charlotte Perriand
R&Sie(n)
Theiss & Jaksch/Schwalm-Theiss
Karl Schwanzer
SOM Skidmore, Owings & Merrill
UNStudio
Venturi Scott Brown& Associates

Momentaufnahmen
Werkzeuggeschichten
Mittel und Zweck von Robert Temel
Runder als das O des Giotto von Gerhard Vana

Kleines Lexikon der Werkzeuge
Die Skizze
Bleistift, Aquafix & SketchUp
Der Plan
Reißzeug, Rasierklingen & CAD
Zirkel, Schablone & Indy
Dreieck, Reißschiene & VectorWorks
Storchenschnabel, Lichtpausmaschine&Kopierer
Papier, Letraset & Airbrush
Das Modell
Stanleymesser, Kleber & 3D-Plotter
3D-Modeling, Bézier Kurven&Rendermaschinen
AutorInnen Biografien

Dank

Von Werkzeug und Inspiration.
Kreationsökonomien der Architektur

Elke Krasny

a) Orchideen, b) Gewehr, c) Legosteine, d) Zigarettenasche, e) ein Bett, f) Bauerntruhen, g) Bäume, h) Wasserfarben, i) Lösungen aus der Architekturgeschichte, j) Worte, k) Spazierengehen, l) Kino, m) abgehängte Schnüre, ... Was wie eine Erschütterung „aller Pläne“ anmutet, die sich in Michel Foucaults „Die Ordnung der Dinge“ ereignet, in der eine „gewisse chinesische Enzyklpädie (…) b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen,
f) Fabeltiere“ (Foucault 1971: 17) vorstellt, ist die erste Annäherung an in Architekturbüros angetroffene Instrumentarien der Ideenfindung im Akt des Entwerfens. Es ist, bis zur mythischen Verklärung, der Beginn des Entwurfsakts, der zählt. Selten, so wird in Gesprächen mit Architektinnen und Architekten klar, ist es die Frage nach dem Entwurfsverlauf oder nach dem Wissen, wann der Entwurf sein Ende gefunden hat, die gestellt wird.

Als ich 2006 in die Architekturfeldforschung „Architektur beginnt im Kopf. The Making of Architecture“ aufgebrochen bin, hatte ich folgende Frage: Wie spielen die Relationen und Konstellationen zwischen ArchitektInnen und ihren Werkzeugen und Arbeitsräumen im Prozess des Entwerfens zusammen? Ich vermutete, dass die Art, wie mit Werkzeugen umgegangen wird, einen Einfluss auf den Entwurfsakt und die Architektur nimmt. Die Räume, die Architekten und Architektinnen für sich einrichten, betrachtete ich als mehrdimensionale Visitenkarte, nicht im Sinne eines repräsentativen Gestus, sondern im Sinne von tiefen, zugrundeliegenden Haltungen und Philosophien, die räumlich an die Oberfläche treten.

Fragen des Wie wurden dem Was zugrundegelegt: Es ging nicht so sehr um das, was Architektinnen und Architekten tun, sondern vielmehr darum, wie sie es tun. Zugleich ging es um die Formationen und Prägungen des Was der Werkzeuge, das im Wie des Tuns für die Möglichkeiten des Denkens in Lust an der Überschreitung wie Kritik an der Begrenzung eine entscheidende Rolle spielt. Welche Rolle spielen die kollektiven Werkzeuge einer Zeit im individuellen Entwurfsakt? Wie haben zum Beispiel Computerprogramme die Entwurfsmethoden verändert?

„Since the turn of the century, scores of men and women have penetrated deep forests, lived in hostile climates, and weathered hostility, boredom, and disease in order to gather the remnants of so called primitive societies. By contrast to the frequency of these anthropological excursions, relatively few attempts have been made to penetrate the intimacy of life among tribes which are much nearer at hand.“ (Latour, Woolgar 1986: 17) So beschreiben Bruno Latour und Steve Woolgar ihren Aufbruch ins Labor. „Laboratory Life“ inspirierte mich für „Architektur beginnt im Kopf“ zu „Atelier Life“ in Form einer zeitgemäßen instant Feldforschung. Mehrtägiger Besuch vor Ort, Beobachtung beim Arbeiten, Dokumentarfotografie, Teilnahme an Besprechungen mit Kunden, an Entwurfssessions, Personalbesetzungsmeetings sowie Gespräche und Interviews waren die von mir gewählten Werkzeuge der Atelierfeldforschung. Im Falle der nicht mehr lebenden Architekten und Architektinnen wurde durch Interviews mit ehemaligen MitarbeiterInnen eine Annäherung an die Arbeitsweise gefunden.

Recherchen wie im Aalto Archiv brachten zu Tage, dass noch nie eine ForscherIn nach den von Aalto verwendeten Werkzeugen gefragt hatte. Selbst die Versammlung hunderter von Skizzen zu einem Projekt gibt heute keine Auskunft mehr über den Verlauf des Entwurfsprozesses, wenn nicht mit noch lebenden BüromitarbeiterInnen darüber gesprochen wird. Diese fehlende Wahrnehmung für die Notwendigkeit des Sprechen über das Architekturmachen als Quelle der Entschlüsselung von im finalen Entwurf dann unsichtbar gewordenen, nicht mehr nachvollziehbaren Entwurfsverläufen und Ideenentwicklungen entspricht dem Vexierbild, das Mark Wigley zwischen Papier und Aufgezeichnetem beschreibt. „We have been trained to act as if the paper is not present, trained to see through it, noticing only the dark marks made upon it.“ (Wigley 2005: 331) Das Verhältnis zwischen Linien und Papier wurde erst dadurch sichtbar, dass in den 1960er Jahren dem Neuen des schwarzen Bildschirms mit den weißen Linien folgend auf Papier gezeichnete Architektur nochmals weiß auf schwarz republiziert wurde. Ist dies ein technologischer Akt, der ein Verhältnis und ein durch Selbstverständlichkeit einfach Abwesendes wahrnehmbar werden lässt, ist es in meinen Ohren das Sprechen, die ‚oral history‘ der Architekturproduktion, die das Abwesende des Prozesses, die Arbeit, (wieder) zu Wort kommen lässt.

Um das Sprechen und das Schauen zu verbinden, wurden folgende Ateliers besucht: Alvar Aalto in Jyväskylä und Helsinki, Lina Bo Bardi in Saõ Paulo, Bow-Wow in Tokio, Hermann Czech in Wien, Diller Scofidio + Renfro in New York, Edge Design Institute in Hong Kong, Yona Friedman in Paris, Antoni Gaudí in Barcelona, Lux Guyer in Zürich, Steven Holl Architects in New York, The Jerde Partnership in Los Angeles, Lacaton & Vassal in Paris, Rudolf Olgiati in Flims, Charlotte Perriand in Paris, R & Sie(n) in Paris, Schwalm-Theiss in Wien, Karl Schwanzer in Wien, Skidmore, Owings & Merrill SOM in Chicago, UNStudio in Amsterdam und Venturi Scott Brown & Associates VSBA in Philadelphia. Das dialogische Gegenüber bildete die Recherche zeittypische Werkzeuge der Architekturprofession des 20. Jahrhunderts in privaten Sammlungen, Firmen sowie in Museen, von denen sich keines ausgewiesenermaßen auf diesen Sammlungsbereich spezialisiert hat. Die kollektive Wissensproduktion Architektur, wie sie in den Werkzeugen gespeichert ist, und der feldforschende Versuch, dieses Wissen in den jeweiligen Entwurfsmethoden zum Sprechen zu bringen, entfaltet das Machen von Architektur als Praxis voller Widersprüche zwischen Standards und Abweichungen, verinnerlichten Normen und gewollten Überschreitungen.

„Die Baukunst ist durch den Architekten zur graphischen Kunst herabgesunken. Nicht der erhält die meisten Aufträge, der am besten bauen kann, sondern der, dessen Arbeiten sich am Papier am besten ausnehmen. (…) So aber herrscht der flotte Darsteller. Nicht mehr das Handwerkzeug schafft die Formen, sondern der Bleistift. Aus der Profilierung eines Bauwerkes, aus der Art einer Ornamentierung kann der Beschauer entnehmen, ob der Architekt mit Bleistift Nummer 1 oder Bleistift Nummer 5 arbeitet.“ (Loos 1995: 79f) Zeitgenössisch mutet der Befund von Adolf Loos an, überwindet unschwer 100 Jahre und trifft auf die Generation Render (© Ute Woltron). Bestärkt wird dadurch der Verdacht, dass es der kulturpessimistische Unterton ist, der die Kritik am Werkzeug als auslösendes Moment der Veränderung formuliert, weil sich dieser, der Moment, der Kontrolle entzieht. Genau dieser Kontrollverlust ist es, der den Verdacht auslöst, nicht durch Meisterschaft oder Können erzeugt worden zu sein, sondern durch die zufällige Qualität des Werkzeugs. Wird heute dem Computer diese Potenzierung der alles versprechenden Visualisierung und der alles könnenden Formfindung zwar immer noch zugeschrieben, so ist die Euphorie der 1990er Jahre, in ihm allein das Werkzeug der Zukunft schon in der Gegegenwart in der Hand zu haben, einer wieder hybrider werdenden Bandbreite an Instrumentarien gewichen. Ist die Geschwindigkeit der Druck, der als omnipräsenter Faktor Zeit alle Entwurfsprozesse der Welt vorantreibt, werden in eben diesem Gedränge, der Griff nach dem Bleistift, die schnell festgehaltene Variante mit Marker auf Transparentpapier oder das kleine, unterwegs schnell gezückte Skizzenbuch wieder privilegiert.

Grundsätzlich lassen sich zwei große Richtungen ausmachen. Während die eine zuerst auf Immaterielles setzt, auf Sprechen, Nachdenken, Überlegen, um dann den ersten Strich zu setzen, entwickelt die andere das Erdenken von Architektur genau durch diese Striche, durch das Skizzieren, das von Vorstellungskraft, Hand und Auge geleitet, sich auf ein Trägermedium einschreibt.

Durch das Potenzial der Computerprogramme wird die kreative Schere enger, zugleich aber auch der Innovations- und Individualisierungsdruck auf den Einzelnen höher. In der Reflexion dessen, dass man sich nicht auf ein Werkzeug allein verlassen kann, sondern das Zusammenspiel der vielen Werkzeuge intuitiv, improvisierend, spontan, kontrolliert, gezielt, unbewusst zulässt, liegt die tägliche Arbeitserfahrung, die sich immer aufs Neue ihre eigenen Methoden zu geben sucht, ihrer Haltung versichern muss.

In den Fragen nach dem Beginnen des Entwerfens, nach den Quellen der Inspiration, nach den einzelnen Schritten im Arbeiten und nicht zuletzt nach der Beurteilung der Rolle des Computers eröffnet sich durch die Antworten der für dieses Buch ausgewählten Positionen eine andere Art von Architekturgeschichten, die eröffnen, welche Ausschließungen herkömmliche Architekturgeschichtsschreibung als kanonisierte Formen- und Stilgeschichte ohne technologische oder kulturelle Perspektive vornimmt. So könnte man eine Geschichte der Architektur in ganz andere Eopchen einteilen, ausgehend von einer wissenschaftshistorischen Logik der Werkzeugtechnologien und der Haltung von Architektinnen und Architekten zu diesen. Aus der Haltung resultiert ein Tun, welches im Akt des Entwerfens das hervorbringt, was das Werkzeug zulassend transzendiert und auf die Macht des Gedankens setzt. Genau dort ist der immer von neuem erzeugte Anfangspunkt einer tastenden Annäherung an eine ‚persönliche Handschrift‘. Diese findet sich wieder in einer versuchten Gewärtigung des eigenen Verhältnisses zu den mitspielenden, vorgefundenen wie ‚erfundenen‘ Aktanten im Entwurf: a) Orchideen, b) ein Gewehr, c) Legosteine, d) Zigarettenasche, e) ein Bett …


literatur
Foucault, Michel (1971) Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Latour, Bruno and Steve Woolgar (1986) Laboratory Life. The Construction of Scientific Facts, Princeton: Princeton University Press.
Wigley, Mark (2005) Back to Black, in Brayer, Marie-Ange, Frederick Migayrou and Fumio Nanjo (Ed.) ArchiLab’s Urban Experiments.
Radical Architecture, Art and the City, Ed., London Thames & Hudson.
Loos, Adolf (1910) Wiener Architekturfragen 1910, in Opel, Adolf (Hg.) (1995) Adolf Loos, Über Architektur. Ausgewählte Schriften
und Originaltexte, Wien: Georg Prachner Verlag.
de Certeau, Michel (1988) Kunst des Handelns, Berlin: Merve.
Gänshirt, Christian (2007) Werkzeuge für Ideen. Einführung ins architektonische Entwerfen, Basel, Boston and Berlin: Birkhäuser.
Piedmont-Palladino, Susan C. (2007) Tools of the Imagination: Drawing Tools and Technologies from the Eighteenth Century to the Present, New York: Princeton Architectural Press.






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